Die Frühförderinnen von Jugend am Werk Steiermark unterstützen Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen in ihrem gewohnten Umfeld. Der Spaß darf dabei nicht zu kurz kommen.
Gras für den Elefanten und eine Banane für den Affen. Im Wohnzimmer von Familie S.* geht es heute zu wie im Affenzirkus, allerdings nur im übertragenen Sinne. Auf der einen Seite des Teppichs wartet eine Auswahl an Plüschtieren auf das passende Futter, auf der anderen Seite liegt die Futterstation – und dazwischen? Ein Hindernisparcours, den die vier Jahre alte Lena S. durchqueren muss, um die Tiere fachgerecht zu versorgen. Durch den Tunnel, über die kleine Rampe, um ein paar bunten Kegel herum.
Ab durch den Hindernisparcours
Der Hindernisparcours ist mehr als das: Er soll Lenas Motorik trainieren, ihre kognitive Entwicklung fördern und ihre Raumwahrnehmung verbessern. Lena wurde zu früh geboren, war eine Zeit lang auf der Intensivstation. Ihre Bewegungsfähigkeit ist eingeschränkt, Berührungen sind ihr meist unangenehm. Schon als Baby wurde sie von Elisabeth Rauer, Frühförderin aus dem Team der Mobilen Dienste von Jugend am Werk in Hartberg-Fürstenfeld, unterstützt.
„In der Frühförderung arbeiten wir mit den Kindern an Fähigkeiten, die ihnen noch schwerfallen, aber auch an ihren Stärken“, erzählt Elisabeth über ihre Arbeit. „Da muss man sehr genau überlegen, was man anbietet. Lernen fällt leichter, wenn man dabei Spaß hat.“ Elisabeth hat schon viele Familien begleitet. Es sei immer anders sagt sie, selbst wenn die Diagnosen dieselben sind.
Intensiver Austausch mit den Eltern
Als Frühförderin ist man Gast im Familiensystem und steht dennoch in intensivem Austausch mit den Eltern. „Das Besondere in unserer Arbeit ist es, auch die einzelnen Förderideen so gut wie möglich an die vertraute Umgebung zuhause anzupassen. Dabei versuchen wir mit dem zu arbeiten, was wir vorfinden – ein Sessel wird zu einem Krabbeltunnel oder zu einer Möglichkeit, sich zum Stand hoch zu ziehen“, so Elisabeth.
Ähnlich war es auch bei Lena: Bereits mit neun Monaten wurde sie von Elisabeth begleitet. Zunächst wurde vor allem an der Wahrnehmung und ersten Bewegungsabläufen gearbeitet, teilweise mit Liedbegleitung. Auch dabei wurde auf die Eltern eingegangen: „Wenn die Mutter da schon ein eigenes Lied hat, mit dem sie dem Kind zum Beispiel ankündigt, dass sie es jetzt umdreht, nehmen wir das natürlich gerne auf“, erklärt Nicole Berchtold-Pichlbauer, auch sie ist interdisziplinäre Frühförderin bei Jugend am Werk.
Übersetzerfunktion
Die Frühförderung begleitet Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen. Oft bringen Familien schon viele Diagnosen mit, haben Unsicherheiten oder Fragen: „Wir Frühförderinnen verstehen uns dabei auch als Übersetzerinnen“, erklärt Elisabeth, „denn medizinische Fachbegriffe können schnell verwirrend sein. Wir brechen diese Diagnosen herunter in einfache Worte, die für die Familien leichter zu verstehen sind.“
Gut vernetzt
Dabei arbeiten die Frühförderinnen auch interdisziplinär zusammen. Zum Beispiel im Fall von Lena, die auch von einer Physiotherapeutin begleitet wurde. Aber auch Logopäd*innen und andere Fachkräfte können hinzugezogen werden. Gemeinsam wird auf die Ziele hingearbeitet. „Als Frühförderinnen sorgen wir auch dafür, dass der rote Faden für die Familie sichtbar bleibt. Es ist eine große Unterstützung für die Familien, zu wissen, wohin die Reise geht“, so Nicole.
Je früher, desto besser
Frühförderung setzt so früh wie möglich an – oft schon im ersten Lebensjahr. Die Neuroplastizität des kindlichen Gehirns macht es möglich, Entwicklung gezielt zu fördern und zu unterstützen. „Oft kann man Babys und Kleinkinder noch so richtig in ihrer Entwicklung anstoßen“, erzählt Nicole. Deshalb sei es wichtig, früh zu erkennen, ob eine Förderung notwendig ist. „Eltern spüren das meistens selbst: Wenn das Baby kaum Blickkontakt hält oder die typischen Lautmalereien wie „Wau-Wau“ oder „MaMaM“ ausbleiben.“
Der Weg in die Frühförderung
„Grundsätzlich gilt: Wenn Sie sich Sorgen um die Entwicklung Ihres Kindes machen, sprechen Sie am besten gleich die Kinderärztin oder den Kinderarzt darauf an“, betont Elisabeth. Mit der Empfehlung des oder der Ärzt*in lässt sich ein Antrag auf Frühförderung bei der Bezirkshauptmannschaft stellen. „Sobald ein positiver Bescheid da ist, kann das Angebot kostenlos starten.“ www.jaw.or.at
*Fallbeispiel anonymisiert
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