. . Navigation Navigation

Bild downloaden

v.l.n.r.:

Robert Mörth, Abgeordneter zum Steirischen Landtag (Vertretung für Landesrat Hannes Amesbauer)
Mag.a Ingrid Krammer, Stadt Graz, Amt für Jugend und Familie, Amtsleiterin
Daniel Thomsen, Kreis Nordfriesland (DE), Leiter Fachbereich Jugend, Familie und Bildung (Vortragender)
Dr.in Claudia Unger, Stadt Graz, Stadträtin für Jugend und Familie
Thomas Driessen, alpha nova, Geschäftsführung
Walerich Berger, Jugend am Werk, Geschäftsführung
Uli Reimerth, affido, Leitung
Brigitta Thurner, Standortleitung SOS-Kinderdorf, Geschäftsführerin 4Raum
Thomas Schriefl, Institut für Familienförderung, Geschäftsführer


Bildcredit: Stadt Graz /Foto Fischer

Zusammen:Wachsen - wie Systeme neu denken müssen

Der gesellschaftliche Wandel, die sozialen Umbrüche und krisenhafte Zeit führen im Familienleben zu immer mehr Herausforderungen, welche zunehmend in Zerrüttung und Ausweglosigkeit münden. Gemeinsames Umdenken und Zusammenrücken, unkomplizierte und nahtlose Lösungswege, Kreativität, sowie kollektive Entschlossenheit sind in der Kinder- und Jugendhilfe gefragt. Graz macht vor, wie integrierte Kinder- und Jugendhilfe und ein Ausweg aus der Krise gelingen kann. Bei einer österreichweiten Tagung standen neue Wege für Familien und Fachkräfte im Fokus.

Graz, 30. Jänner 2026. Der Grazer Weg, mit seinem radikal integrativen Ansatz in der Kinder- und Jugendhilfe, der Zuständigkeitsgrenzen auflöst, Machtgefälle abbaut und Familien sowie Kinder konsequent in ihre Expert:innenrolle holt war Thema der Fachtagung Zusammen:Wachsen. Veranstaltet von sechs Trägerorganisationen der Kinder- und Jugendhilfe in Graz

(affido, Institut für Familienförderung, Jugend am Werk, Alpha Nova, SOS-Kinderdorf, Stadt Graz) wurden Beispiele aus der Praxis präsentiert und reflektiert. Über 300 anwesende Fachkräfte waren sich einig, dass es nur diesen Weg geben kann: der radikal integrative Ansatz, der auf die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe und anderer gesellschaftlicher Hilfesysteme eingehen kann. 

Ein zentrales Thema war die Überwindung bürokratischer Hemmnisse, die aus einer starken Trennung von Kostenträgern und Leistungserbringern entstehen. In vielen Systemen bindet die Verwaltung viel Zeit und Geld, das für die eigentliche Unterstützungsarbeit fehlt. Der integrative Ansatz will stattdessen die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Stellen und freien Trägern stärken, um vorhandene Mittel zielgerichteter für Familien einzusetzen. 

In ihren Beiträgen zeigten Expert:innen wie diese Zusammenarbeit in der Praxis aussieht: etwa durch enge Kooperation zwischen Familiensozialarbeit, regionalen Arbeitsgemeinschaften und privaten Einrichtungen, sozialraumorientierte Hilfeplanung und Unterstützung, die sich am konkreten Willen und den Zielen der Betroffenen orientiert. Die Beteiligten betonten die Bedeutung von partnerschaftlicher Arbeit auf Augenhöhe und regelmäßiger gemeinsamer Reflexion, damit die Hilfe für Kinder und Familien auch gelingend und passgenau wirken kann.

Auch langjährige Praxisbeispiele wie „4Raum“ in Graz, das seit einem Jahrzehnt familienbezogene Hilfeformen verbindet, wurden vorgestellt und diskutiert. Zudem boten internationale Fallbeispiele aus Nordfriesland und München wertvolle Impulse dafür, wie Kinder- und Jugendhilfe integriert und systemisch gedacht werden kann.

 

Integration statt Abgrenzung
Der integrative Ansatz ist das Gegenteil von Abgrenzung und Zuständigkeitsdenken der einzelnen Einrichtungen: Statt klarer Trennlinien – etwa zwischen öffentlicher und privater Kinder- und Jugendhilfe oder zwischen ambulanten und stationären Hilfen – wird in Graz alles zusammen gedacht und gemeinsam verantwortet. „Radikal integriert zu arbeiten heißt, öffentlich und privat, ambulant und stationär nicht nur gemeinsam zu denken, sondern auch gemeinsam zu erledigen“, so eine der zentralen Aussagen. Aus Sicht der Familien seien diese Trennungen ohnehin künstlich.

„Idealerweise gehen Familien aus Beratungen hinaus und wissen gar nicht mehr, wer Jugendamtsmitarbeiter:in und wer Mitarbeiter:in anderer öffentlicher oder privater Einrichtungen ist. Weil es nicht um Definitionsmacht geht, sondern um die beste Lösung“, so Ingrid Krammer, Abteilungsleitung Amt für Jugend und Familie Graz.

Eine Stunde, viele Perspektiven
Herzstück in der Umsetzung sind wöchentliche Sozialraum-Konferenzen. Für jeden Fall wird eine Stunde eingeplant mit allen Fachkräften an einem Tisch: Die Sozialraumleitungen, Koordinator:innen der Arbeitsgemeinschaften, Kinder- und Jugendhilfereferent:innen des jeweiligen Sozialraums, die fallzuständige Sozialarbeiter:in sowie Mitarbeitende ambulanter und stationärer Einrichtungen, bei Gefährdungsabklärungen auch eine Psychologin und bei Bedarf auch Expert:innen aus dem Pflegekinderdienst.

 

Ressourcen vor Defiziten
Die Beratung beginnt nicht mit Problemen, sondern mit Lösungen. Nämlich dem Abklären vorhandener Ressourcen:

  • persönliche Ressourcen wie Willensstärke, Kreativität oder Reflexionsfähigkeit,
  • soziale Ressourcen wie Angehörige, Nachbar:innen oder Freund:innen,
  • materielle Ressourcen, etwa die finanzielle Situation,
  • sozialräumliche Ressourcen, Orte im Wohnumfeld, die positiv besetzt sind.

 

Erst danach werden Ziele formuliert: freiwillige Ziele der Familie ebenso wie beauftragte Ziele im Sinne des Kinderschutzes. Anschließend entwickelt das Team mögliche Unterstützungswege. Am Ende erfolgt ein kurzer „Check“, bei dem geprüft wird, ob die Ideen fachlich vertretbar und rechtlich umsetzbar sind.

 

Haltungsfrage statt Formularlogik
Doch Strukturen allein reichen nicht, ist auch hier der Tagungstenor. Entscheidend ist die Haltung. „Sind wir radikal an den Rechten der Kinder orientiert oder sind wir gefangen von Kontrollauflagen, Berichtswesen und der Angst, Fehler zu machen“, lautete eine der Leitfragen.

Der Grazer Ansatz fordert mehr Mut zur inhaltlichen Debatte und weniger Angst vor Zuständigkeitsgrenzen und formalen Fehlern. Familien werden nicht nur beteiligt, sondern ernsthaft gefragt: Wie wollen Sie leben? Welche Unterstützung brauchen Sie? Auch dann, wenn die Antworten unbequem sind.

„Beteiligung heißt, dass Eltern und Kinder sagen dürfen, was sie gerne hätten und wir ihnen auf ihrer Spur folgen. Auch wenn sie nicht unserer Vorstellung entspricht.“, meint Ingrid Krammer, Abteilungsleitung Amt für Jugend und Familie Graz. Der integrative Ansatz stärkt Familien darin, wieder selbst handlungsfähig zu werden, statt Resultat von Maßnahmen zu sein.

Warum Graz eine Modellregion ist
Dass dieser Ansatz funktioniert, ist kein Zufall. Die Trägereinrichtungen in Graz entwickelten mit dem Land Steiermark über Jahre eine gemeinsame Struktur- und Finanzierungslogik, die integrative Arbeit nicht behindert, sondern möglich macht. Budgets steuern hier nicht primär, was getan wird, sondern wie gearbeitet wird. Deshalb sollten Budgets auch nicht an Fallzahlen, sondern an der Verhinderung dieser gemessen werden, betonen die Teilnehmer:innen. Der integrative Ansatz verlangt außerdem Vertrauen, Kritikfähigkeit und die Bereitschaft unter den Einrichtungen, einander auf Augenhöhe zu begegnen:

„Kinder- und Jugendhilfe funktioniert nur in einem vertrauensvollen Miteinander – mit den Familien, mit den Fachkräften und mit Entscheidungsträger:innen. Wenn wir uns gegenseitig zutrauen, dass jede und jeder seinen Job bestmöglich macht“, so Ingrid Krammer.

Vorbild für ganz Österreich
Die Veranstaltung zeigte: Integrierte Kinder- und Jugendhilfe ist mehr als ein Schlagwort. Sie kann ein pragmatisches Modell sein, um den Herausforderungen im Alltag von Familien sowie den Anforderungen an Fachkräfte gerecht zu werden und damit zu einem Vorbild für andere Regionen in Österreich zu werden.

 

Statements Geschäftsführer:innen der beteiligten Trägerorganisationen:

Ingrid Krammer, Leiterin des Amtes für Jugend und Familie der Stadt Graz: „Wir, die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe, und die privaten Träger arbeiten gemeinsam in den gleichen Familien – vor allem aber mit ihnen. Durch unsere einheitliche inhaltliche Orientierung entsteht echte Zusammenarbeit, bei der wir Familien als wichtige Partner:innen sehen. Dies ist nur möglich, wenn alle Akteur:innen einander Vertrauen entgegenbringen. Durch die integrierte Kinder- und Jugendhilfe kommt immer das Maximum bei den Familien an.

Ulrike Reimerth, Geschäftsführerin affido: „Ich schätze den offenen fachlichen Diskurs und die gemeinsame Verantwortung für Kinder und Familien, die öffentliche und private Kinder- und Jugendhilfe mit dieser Haltung sicherstellt. Durch die Beteiligung mit den Familien können abgestimmte Unterstützungsnetzwerke entstehen, die tragfähig sind und nachhaltig wirken. Integriert zu arbeiten stößt nicht an Grenzen und macht deshalb Spaß.“

Thomas Driessen, Geschäftsführer alpha nova: „Die Fachtagung macht deutlich: für eine wirkungsvolle und inklusive Kinder- und Jugendhilfe ist die Zusammenarbeit der Jugendämter nicht nur mit den privaten Einrichtungen und den Familien, sondern auch mit dem Bildungssystem, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dem Arbeitsmarktservice, dem Jugendcoaching, der Behindertenhilfe und allen übrigen Unterstützungssystemen unabdingbar.“

Birgitta Thurner, Geschäftsführerin 4Raum, Standortleiterin SOS-Kinderdorf Steiermark: „Die Fachtagung ‚Zusammen:Wachsen‘ zeigt eindrucksvoll, wie wichtig integrierte Kinder- und Jugendhilfe für unsere Gesellschaft ist. In Zeiten tiefgreifender sozialer und gesellschaftlicher Herausforderungen braucht es Kooperation, Flexibilität und den Blick für das Ganze – weit über reine Einzelleistungen hinaus. Mit der Arbeitsgemeinschaft 4Raum setzen wir uns seit über zehn Jahren dafür ein, dass Kinder, Jugendliche und ihre Familien passgenaue, lebensweltorientierte Unterstützung erhalten. Unsere Arbeit ist tief verwurzelt in der Sozialraumorientierung, die Ressourcenorientierung, Vernetzung und echte Partnerschaft zwischen Fachkräften, Familien und Institutionen in den Mittelpunkt stellt. Durch das Engagement vieler Partnerorganisationen können wir individuelle Lebenswege wirksam unterstützen und nachhaltig stabilisieren. Nur gemeinsam können wir Rahmenbedingungen schaffen, in denen Kinder und Jugendliche mit ihren Familien gestärkt aufwachsen, eingebettet in ein System, das Kooperation vor Bürokratie, Vertrauen vor Kontrollmechanismen stellt. Das hat die Tagung deutlich unterstrichen.“ 

Sabine Wirnsberger, Geschäftsführerin Institut für Familienförderung: „Nicht nur Kinder und Jugendliche können zu Systemsprenger:innen werden, auch ihre Familien besitzen die Fähigkeit, Systeme gegeneinander auszuspielen oder auch ungewollt auseinanderzuziehen. Das zeigt, wie komplex die Lebenslagen vieler Familien sind und wie vielfältig die Interaktionen zwischen den beteiligten Hilfesystemen verlaufen. Deshalb ist es entscheidend, dass alle beteiligten Fachleute nicht isoliert, sondern gemeinsam an Lösungen arbeiten. Die Kraft liegt im gemeinsamen Bemühen aller Beteiligten, inclusive der Betroffenen.“

 Walerich Berger, Geschäftsführer Jugend am Werk Steiermark: „Jugend am Werk bietet sämtliche Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe an. Von der Krisenintervention über die stationäre Betreuung bis hin zur mobilen Begleitung. Um Kinder, Jugendliche und Familien bestmöglich unterstützen zu können, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen diesen unterschiedlichen Dienstleistungen entscheidend und auch in der Unternehmensvision von Jugend am Werk als Anspruch formuliert. Das Konzept der ‚Integrierten Kinder- und Jugendhilfe‘ trifft dementsprechend genau unsere Haltung und unser Engagement in der Weiterentwicklung der steirischen Kinder- und Jugendhilfe.“ 

 

Weitere Infos, Fotos und Inhalte rund um Tagung, soziale Träger und den Vortragenden, sowie zeitnah ALLE Vorträge auch zum Nachschauen unter: graz.at/zusammenwachsen

Pressekontakt

Jugend am Werk Steiermark GmbH
Mag. Wolfgang Nußmüller
Stabsstellenleiter Marketing & Öffentlichkeitsarbeit
Tel. +43 (0) 50/7900 1403
wolfgang.nussmueller(at)jaw.or.at