Fachtagung „Mein Leben - Mit Kind“

Elternschaft wurde Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung in der Vergangenheit selten zugestanden. Mittlerweile findet ein Umdenken statt. Auf unserer Tagung „Mein Leben - Mit Kind“ möchten wir Bewusstsein für das Thema Grundrecht auf Familie schaffen und Möglichkeiten erfolgreicher Unterstützungsangebote unter Berücksichtigung des Kindeswohls aufzeigen.

Spannende Fachvorträge von unseren ExpertInnen, die sich praktisch als auch theoretisch mit diesem Thema auseinandersetzen, warten auf Sie!

Wann? Donnerstag, 30. September 2021

Wo?
 Steiermarkhof, Ekkehard-Hauer-Straße 33, 8052 Graz

Themen der Tagung

Univ.-Prof. Dr. Stephan Sting
Zum Stellenwert von Familie heute

Dr. Stephan Sting wird im Rahmen einer allgemeinen Einführung die Bedeutung von Familie für das Aufwachsen in der heutigen Gesellschaft herausarbeiten. In einer Zeit, die von Umbrüchen, Unsicherheiten und Krisen geprägt ist, steht die Familie für Kontinuität und Zugehörigkeit. So wird z.B. in zahlreichen Jugendstudien erkennbar, dass Familie in den letzten Jahren für junge Menschen an Bedeutung gewonnen hat. Und selbst Heranwachsende, die aufgrund von familiären Schwierigkeiten außerhalb der Herkunftsfamilie aufwachsen, scheinen sich nach dem Übergang in ein eigenständiges Leben in einem hohen Maß auf ihren Familienkontext zurück zu beziehen.

Die Aufrechterhaltung und Pflege der Familie ist dementsprechend zu einem grundlegenden Menschenrecht geworden, das in einer inklusiven Perspektive für alle Menschen gilt und das sowohl in der Kinder- und Jugendhilfe als auch in der Behindertenhilfe Berücksichtigung finden muss.

Zur Person:

Dr. Stephan Sting, geboren am 8. Oktober 1958 in Balingen/Württemberg, studierte von 1979 bis 1984 Pädagogik, Soziologie und Psychologie an der Freien Universität Berlin. 1990 promovierte er zum Dr. phil. und 1996 habilitierte er in Erziehungswissenschaft.

Dr. Sting arbeitete als Hochschullehrer im Bereich der Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin, der Universität Leipzig und der Technischen Universität Dresden. Seit dem 1. März 2005 ist er Professor für Sozial- und Integrationspädagogik an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Mag.a Christine Steger
Das Grundrecht von Menschen mit Behinderungen auf Partnerschaft und Familie

Besonders Menschen mit Lernschwierigkeiten oder psychosozialen Behinderungen wird die Elternschaft häufig abgesprochen - und zwar aufgrund ihrer Behinderungen. Eine solche Diskriminierung und Ungleichbehandlung widerstrebt der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Oft leben Eltern mit Lernschwierigkeiten und psychosozialen Behinderungen in ständiger Angst, dass ein kleiner Fehler zur Kindesabnahme führen kann. Sie empfinden die Kindesabnahme als Strafe, als unverhältnismäßig und willkürlich. Betroffene Eltern berichten zudem, dass ihnen die Gründe für die Abnahme zu wenig oder gar nicht dargelegt werden. Das führt dazu, dass sie sich den Behörden gegenüber hilflos fühlen. Durch diese Angst trauen sich viele nicht einmal, um Unterstützung bei der Kinder- und Jugendhilfe zu fragen. Wer Unterstützungsbedarf formuliert, setzt sich dem Vorwurf aus, als Elternteil überfordert zu sein.

Wenn Österreich die Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen ernst nimmt, muss man sich zwingend dem Thema der Kindesabnahme annehmen. Dazu müssen wir unbedingt ein funktionierendes System der Persönlichen Assistenz für die Elternschaft mit Rechtsanspruch schaffen.

Eltern mit Lernschwierigkeiten und psychosozialen Behinderungen benötigen ganz unterschiedliche Hilfestellungen. Das kann, ganz banal, Hilfe im Haushalt, bei der Strukturierung des Alltags oder das gemeinsame Erarbeiten von Familienkonzepten sein. Bei Eltern mit Phasen der erhöhten psychischen Belastung muss individuell darauf eingegangen werden. Dabei bleiben die Eltern immer die Hauptbezugspersonen der Kinder und werden nicht in ihrer Selbstbestimmung beschnitten.

Zur Person:

Mag.a Christine Steger, geboren und aufgewachsen in Tirol, studierte Romanistik, Spanisch und Kommunikationswissenschaften. Seit 2004 ist sie Leiterin der Abteilung „disability & diversity“ der Universität Salzburg mit den Arbeitsschwerpunkten Gleichstellung/Nachteilsausgleich/nicht-Diskriminierung von Universitätsangehörigen mit Behinderungen/chronischen Erkrankungen.

Weiters war Mag.a Steger Behindertenvertrauensperson und Mitglied des Betriebsrates. Von 2013 bis 2018 arbeitete sie als Sozialreferentin im Büro des Salzburger Soziallandesrates Schellhorn. Am 2. Mai 2018 wurde sie zur Vorsitzenden des Monitoringausschusses gewählt.

Mag.a Ingrid Krammer
Ein Kind ist ein Kind ist ein Kind ...

Die Frage nach der Elternschaft von Frauen und Männern mit Behinderung ist eine Gradwanderung zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Eltern und dem Wohl des Kindes.

Mag.a Ingrid Krammer gibt – auf dem Hintergrund der Rechte der Kinder – Einblick in die Prozesse der Entscheidungsfindung des Grazer Amtes für Jugend und Familie. Dabei steht das Kindeswohl im Mittelpunkt – völlig unabhängig davon, in welcher Art und Weise Einschränkungen bei den Eltern vorliegen.

Zur Person:

Mag.a Ingrid Krammer studierte Pädagogik und Germanistik an der Karl-Franzens-Universität Graz, wo sie auch den medienkundlichen Lehrgang absolvierte. Sie arbeitete als Journalistin bei mehreren Tages- und Wochenzeitungen, danach als Pressereferentin und leitete von 1995 bis 1998 das Dr.-Karl-Renner-Institut Steiermark, eine politische Akademie für Erwachsenenbildung.

Seit 2002 ist Mag.a Krammer Abteilungsvorständin des Amtes für Jugend und Familie der Stadt Graz und hat Lehraufträge an der Karl-Franzens-Universität Graz, der FH Joanneum und FH Burgenland sowie der Donau-Universität Krems.

Univ-Ass.in Rahel More, MA
(An-)Forderungen an Soziale Arbeit mit Eltern mit Lernschwierigkeiten

Der Beitrag fokussiert die empirischen Erkenntnisse aus ihrer Dissertation. Die qualitative Studie untersucht sowohl Fremdzuschreibungen und -wahrnehmungen gegenüber, als auch Selbstverständnisse von Müttern und Vätern mit Lernschwierigkeiten. Durch einen partizipativ orientierten Forschungszugang gelang eine umfassende Verknüpfung von Fremdwahrnehmungen mit den Perspektiven der Zielgruppe.

Im Zentrum des Vortrages stehen Erkenntnisse aus Interviews mit Müttern und Vätern mit Lernschwierigkeiten sowie die Bedeutung gesellschaftlicher Zuschreibungen und Fremdwahrnehmungen von Fachkräften für die Erfahrungsweisen der Eltern selbst. Die Forschungsresultate werden kritisch diskutiert und in Folge Handlungsdesiderate für die (sozialpädagogische) Praxis formuliert.

Zur Person:

Rahel More, MA studierte Sozialpädagogik und Disability Studies an der Universität Island in Reykjavík. Ihre Masterarbeit schrieb sie über Begutachtungsverfahren der Erziehungsfähigkeit von Eltern mit Lernschwierigkeiten. Sie war zudem wissenschaftliche Mitarbeiterin an zwei Forschungsprojekten über Elternschaft mit Lernschwierigkeiten am Zentrum für Disability Studies an der Universität Island.

Seit 2017 ist sie Universitätsassistentin und Doktorandin an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und dort im Arbeitsbereich Sozialpädagogik und Inklusionsforschung tätig, weiters in Forschung und Lehre, u.a. zu Disability Studies, internationale Perspektiven und Familienleben und Behinderung. Sie arbeitet in internationalen Forschungskooperationen und Publikationen u.a. mit Dr. Marjorie Aunos und Prof. David McConnell in Kanada, Prof. Hanna B. Sigurjónsdóttir und Dr. James Rice in Island sowie Beth Tarleton in Großbritannien zusammen. Ihre Dissertation über Mutter- und Vaterschaft mit Lernschwierigkeiten in Österreich steht kurz vor dem Abschluss.

Mag.a (FH) Linda Schüchner
Zum Stellenwert von Familie heute

Beginnend mit einer kurzen Darstellung der Entwicklung auf nationaler Ebene und im internationalen Vergleich werden anhand einiger Praxisbeispiele sowohl positive als auch problematische Aspekte der momentanen Rahmenbedingungen erörtert, mit denen (werdende) Mütter und Väter mit intellektueller Beeinträchtigung heute in Österreich konfrontiert sind.

Der Vortrag wird kritisch die Frage stellen, inwieweit die momentanen Unterstützungssysteme im Sinne des Bekenntnisses Österreichs zur Umsetzung der UN-BRK agieren und Ansätze vorschlagen, die zu einem notwendig erscheinenden Bewusstseinswandel führen können.

Zur Person:

Mag.a (FH) Linda Schüchner, geboren 1981 in Wien, studierte Soziale Arbeit an der FH Wien. 2006 schrieb sie die Diplomarbeit „Unterstützungsangebote bei Schwangerschaft und Elternschaft von Menschen in Lernschwierigkeiten in Wien“.

Sie hält Vorträge, konzipiert und moderiert Workshops und Seminare zum Themenkomplex Sexualität, Partnerschaft, Kinderwunsch und Elternschaft von Menschen mit Lernschwierigkeiten (vorrangig im Auftrag von Trägereinrichtungen der Behindertenhilfe und der Wiener Kinder- und Jugendhilfe).

Seit 2018 leitet Mag.a (FH) Schüchner den Bereich Wohnen beim Verein GIN - Gemeinwesenintegration und Normalisierung. Seit 2014 ist sie Vorstandsmitglied beim Verein NINLIL - Empowerment und Beratung für Frauen mit Behinderung.