Das pusht mich voll!
Das pusht mich voll!

Schritte in ein selbständiges Leben

Von einer vollzeitbetreuten Wohngemeinschaft in eine eigene Wohnung und ein Leben in einer fremden Stadt: Tanja S. – Kundin vom Mobil Betreuten Wohnen für Jugendliche – erzählt im Dialog mit ihrem Betreuer Nicolas Versnak ihre Erfolgsgeschichte.

Tanja S. öffnet die Tür zu ihrer Wohnung in Graz: in einem rot-schwarzen Hemd und mit rot-schwarzen Haaren – ihre Lieblingsfarben, wie sie später verraten wird. Die Friseurin im zweiten Lehrjahr begleitet uns am Frisiertisch vorbei zur Küchenzeile, bietet Getränke an, macht sich Tee und öffnet ein weiteres Mal die Tür: für Nicolas Versnak von der Jugend- und Familienbegleitung Graz bei Jugend am Werk.  

 

Selbstwertgefühl erfahren

Tanja nimmt einen Schluck vom Früchtetee und beginnt zu erzählen: „Zuerst habe ich im ,trapez‘ gewohnt. Das ist eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft in Bruck an der Mur, wo ich mit 15 Jahren eingezogen bin. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, mich einzufinden. Aber dann dachte ich: Es gibt ja einen Grund, warum ich nicht zu Hause wohnen kann. So habe ich mich mit der Situation gut angefreundet.“ Sie wippt mit einem Fuß. „Dabei half es mir, dass unser Betreuungsteam in der WG immer vermittelte: Ich bin etwas wert. Das kannte ich nicht. Die Vollzeitbetreuung war ein Vorteil, weil immer jemand anwesend war, wenn es mir mal schlecht ging. Das fehlt mir jetzt manchmal schon.“ 

 

Chancen wahrnehmen

trapez ist ein Angebot von Jugend am Werk für junge Menschen bis zur Volljährigkeit. Deshalb zog Tanja letztes Jahr aus und entschied, nach Graz zu ziehen. „Ich wollte mit meinem Freund zusammenwohnen. Das klappte aber nicht und ich war in Sorge, dass ich komplett alleine dastehe“, erzählt sie. Von ihrer Betreuerin bei trapez erfuhr sie vom Mobil Betreuten Wohnen für Jugendliche. „Das wollte ich mir anschauen“, sagt sie mit Blick zu ihrem Betreuer Nicolas Versnak. Dieser nickt: „Als wir uns das erste Mal getroffen haben, wirkte Tanja noch skeptisch und stellte viele Fragen, wie die Wohnform in der Praxis funktioniert. Nach dem Infogespräch war sie zuversichtlicher.“ Tanja S. wirft einen Zopf – den schwarzen – über ihre Schulter: „Ich habe die Chancen gesehen und versucht, aus der Situation das Beste zu machen.“ Aus der vollzeitbetreuten Wohngemeinschaft in eine eigene Wohnung in einer fremden Stadt zu ziehen war eine Riesenumstellung. „Jetzt taugt es mir, weil ich vieles selbst entscheiden kann. Das pusht voll. Aber anfangs war es sehr schwierig. Ich habe wenig Orientierungssinn und in der großen Stadt kaum nach Hause gefunden. Selber einkaufen war auch herausfordernd. Das Geld geht schnell dahin. Jetzt mache ich einen großen Einkauf pro Woche, so klappt es.“ Im Haushalt funktioniert es ebenfalls gut. „Beim Wohnen ist Tanja sehr selbstständig“, bestätigt Nicolas Versnak. „Ich begleite vor allem mental.“ 

 

Unterstützung annehmen

Tanja S. streicht über ihren Zopf – diesmal den roten: „Das Alleinsein in der Wohnung war anfangs nicht so chillig. Jetzt ist es in Ordnung. Aber wenn mir viel durch den Kopf geht, ist es gut, dass ich mich melden kann. Das gibt mir Sicherheit.“ Nicolas Versnak bejaht: „Tanja erkennt, wann sie Unterstützung braucht, das ist gut. Wir hören oder lesen uns an jedem Werktag und sehen uns zwei bis drei Mal pro Woche. Dann reden wir viel. In den Lockdowns im letzten Jahr führten wir die Gespräche am Balkon, manchmal bin ich unten vor dem Haus gestanden und Tanja am Balkon. Aber das hat schon gepasst, in Notsituationen muss man erfinderisch sein. Damit der Kontakt nicht abreißt und wir in Beziehung bleiben, das war in dieser Zeit sehr wichtig.“ Tanja S. nimmt den letzten Schluck vom Früchtetee und macht sich fürs Fotoshooting bereit. Doch zwei Fragen sind noch offen: „Welche Wünsche ich für die Zukunft habe?“, überlegt sie. „Den Führerschein machen. Regelmäßig zu meiner Therapie gehen. Die Berufsschule gut schaffen und als Friseurin arbeiten. Das ist der richtige Beruf für mich. Davon bin ich überzeugt.“ Und wie schaut es mit einer neuen Haarfarbe aus? Tanja lacht: „Eher nicht, denn Rot und Schwarz sind meine Lieblingsfarben und ein starkes Zeichen. Das passt zu mir.“ Finden wir übrigens auch!